Es ist kaum zu glauben, dass das Jahr schon vorbei ist! In der Kleinen Allee fallen die Blätter von den Kastanien, im Garten der „Improviser Residenz“ verbuddeln die Eichhörnchen emsig ihre Wintervorräte und beim Kodi am Neumarkt werden Weihnachtsmänner aus Schokolade verkauft. Es ist kaum zu glauben, aber meine Zeit in Moers geht zu Ende. Gerade erst haben wir im Café Mondrian unser Einstandskonzert gespielt, alles war aufregend und neu und ich war voller Pläne und Ideen. Inzwischen ist das „Mondi“ so was wie meine Stammkneipe geworden, ich sitze auf der Terrasse in der Sonne und versuche, eine Bilanz zu ziehen.
Binsenweisheiten und Sprichwörter: es war ein tolles Jahr für mich! Stadtmusiker in Moers zu sein ist eine spannende und erfüllende Aufgabe. Die Möglichkeit, hier mit Unterstützung und reger Beteiligung der Menschen aus der Stadt Projekte zu initiieren und durchzuführen hat mich inspiriert und bereichert – und ich habe viel dabei gelernt. Besondere Höhepunkte? Wo soll ich anfangen? Zuerst fällt mir das Konzert „One Residence Four Improvisers“ ein, zu dem ich alle meine Vorgänger im September ins Bollwerk 107 eingeladen hatte. Mit dem „Improviser in Residence“ gibt es in Moers seit 2008 ein deutschlandweit einzigartiges Stipendium für improvisierende Musiker. Das Programm wird zur Gänze aus Mitteln der Kunststiftung NRW finanziert. Schon gleich zu Beginn meiner Zeit hier habe ich erlebt, wie stark der „Improviser“ mittlerweile in das kulturelle Leben der Stadt integriert ist: viele Menschen kamen auf mich zu, waren neugierig und fragten nach meinen Plänen und Vorhaben. So habe ich mich von Anfang an eingeladen gefühlt und ein grosses Interesse an meiner Arbeit wahrgenommen. Mit der gemeinsamen Performance aller vier Musiker, die bisher im Rahmen des Programms für jeweils ein Jahr in Moers gelebt und gearbeitet haben, konnten wir die Bedeutung des Stipendiums einmal mehr unterstreichen. Und unser auf dem Konzert geäusserte Wunsch ist in Erfüllung gegangen: auch 2012 wird ein „Improviser“ in Moers residieren.
Ein weites Highlight war (und ist!) für mich das „nimm Musiklabor“, welches ich in Zusammenarbeit mit der Moerser Musikschule im Frühjahr ins Leben gerufen habe und in dem wir noch immer zusammen arbeiten. In diesem Projekt waren interessierte Moerserinnen und Moerser eingeladen, sich in wöchentlichen Proben aktiv mit experimenteller Musik auseinander zu setzen und so ein besseres Verständnis für diese Form aktuellen Musikschaffens zu entwickeln. Zu meiner grossen Freude ist hier ein lebendiges Ensemble entstanden, in dem sich Menschen mit unterschiedlichsten musikalischen Vorlieben und Erfahrungen mit bemerkenswerter Offenheit eine gemeinsame musikalische Sprache erarbeitet haben. Die Teilnehmer sind zwischen 11 und 61 Jahren alt: eine solche, Generationen übergreifende Zusammenarbeit habe ich in meiner langen Praxis nur sehr selten erlebt.
Dass das internationale „moers festival“ für jeden hier arbeitenden Musiker von grosser Bedeutung ist muss nicht extra erwähnt werden. So bildete selbstverständlich der Auftritt im Hauptprogramm des Festivals einen weiteren Höhepunkt meiner Residenz. Und damit nicht genug: neben dem Konzert mit der Band „tørn“ am Pfingstsonntag, für die ich eigens zu diesem Anlass ein neues Programm geschrieben hatte, wurde ich ein zweites Mal auf die grosse Bühne im Festivalzelt eingeladen. Im Rahmen der 2011 erstmalig realisierten Veranstaltung „Open House“ konnte ich mit verschiedenen Ensembles aus Moers in diesem grossartigen Rahmen auftreten. Nicht nur das oben erwähnte „Musiklabor“ kam dabei zum Zuge, auch die tolle Big Band der Anne Frank Gesamtschule war dabei und spielte eine weitgehend von den Schülerinnen und Schülern selbst gestaltete Komposition. Last but not least habe ich zusammen mit dem grossartigen jungen Pianisten Jakob Sommer zusammen improvisiert. Das „Open House“ wird, wie ich hoffe, auch im kommenden Jahr wieder viele Menschen aus Moers und Umgebung ins Festivalzelt locken und einmal mehr beweisen, wie viel kreatives Potential die Kulturstadt am Niederrhein beherbergt.
Fast nahtlos an das „Open House“ schloss sich die Projektwoche „moving moers“ an, eine Zusammenarbeit mit dem Kulturbüro der Stadt Moers, dem Netzwerk Improvisierte Musik Moers und dem Jungen Schlosstheater. Die Performance im öffentlichen Raum am Ende der Projektwoche, an der ich mit einer Gruppe von Jugendlichen aus der Justus von Liebig Schule teilnehmen konnte, gehört für mich ebenso zu den Höhepunkten des Jahres, wie die schönen „Orchester“ Workshops mit den Kindern der Adolf Reichwein Grundschule oder die Zusammenarbeit mit der Dorsterfeld Schule im Rahmen des Programms „Jedem Kind ein Instrument“.
Und dann natürlich die Kooperation mit dem Schlosstheater! Mit der gemeinsamen Produktion „Hin und Weg“ ist ein wunderbarer Abend entstanden, der mir sehr am Herzen liegt und den wir hoffentlich noch oft spielen dürfen. Was dieses kleine Theater mit seinem grossartigen Ensemble, den engagierten Technikern und der ganzen Crew unter der Leitung von Ulrich Greb Jahr für Jahr auf die Beine stellt ist wirklich erstaunlich. Die Zeit der Proben für „Hin und Weg“, das intensive zusammen leben mit den Schauspielern und dem ganzen Theater gehört für mich unbedingt zu den Höhepunkten des Jahres.
Dann gab es manchmal auch ganz freie Tage, an denen ich Moers und Umgebung entdecken konnte. Ich denke an Ausflüge mit meinem von der Moerser Künstlerin Wilma Specht gestalteten Dienstfahrrad, zum Silbersee, oder nach Orsoy zum Rhein. An Wanderungen weiter stromabwärts in den Wiesen bei Rheinberg, an einen Spaziergang auf der Halde Nordeutschland oder einen Besuch in der Ziegelheide bei Kempen. So am Rande des Ruhrgebietes gelegen hat Moers auch landschaftlich viel zu bieten.
Und die Konzerte in der Reihe „Szene Moers“, und die schönen, ganz ruhigen musikalischen Treffen mit den Kirchenmusikern Sandra und Boris Berns in der Kirche St. Josef, die Sessions in der „Röhre“, die Poerty Slams im Bollwerk, das Zusammentreffen mit den bildenden Künstlern in unserem „Moerser Salon“ und alles andere, was ich hier nun nicht mehr aufzählen kann: es war ein schönes und erfülltes Jahr hier in Moers. Vielen Dank dafür.
November 2011, Achim Tang